
Dramaturgie ist die Lehre vom Aufbau einer Geschichte: wie Ereignisse angeordnet werden, wo die Geschichte ihre Richtung ändert und wie daraus Spannung entsteht. Sie entscheidet, wann das Publikum das Problem kennenlernt, wann es ernster wird, wo die Hauptfigur am Boden liegt und wie das Ende einlöst, was vorher angelegt wurde. Dramaturgie heißt auch der Beruf derer, die Autorinnen und Autoren genau dabei beraten.
Die Modelle weiter unten überschneiden sich stark. Die meisten schneiden dasselbe Auf und Ab der Spannung nur an unterschiedlichen Stellen. Wer aber für eine bestimmte Geschichte die passende Brille wählt, spart sich viel Umschreiben.
Was bedeutet Dramaturgie?
Das Wort kommt aus dem Griechischen und meint ursprünglich die Arbeit am Drama. Im Deutschen hat es zwei Bedeutungen. Erstens die Bauweise eines Werks: Ein Film hat eine gute Dramaturgie, wenn seine Szenen so angeordnet sind, dass jede die nächste antreibt. Zweitens den Beruf: Dramaturginnen und Dramaturgen arbeiten am Theater, bei Sendern und Produktionsfirmen und begleiten Stoffe von der Idee bis zur Drehfassung, oft in einer Drehbuchwerkstatt oder als Teil der Stoffentwicklung, die Filmförderungen unterstützen.
Die deutsche Tradition dazu ist alt. Gotthold Ephraim Lessing veröffentlichte 1767 bis 1769 seine „Hamburgische Dramaturgie“, und Gustav Freytag beschrieb 1863 in „Die Technik des Dramas“ die Pyramide, die bis heute im Deutschunterricht steht. Beide berufen sich auf die Poetik des Aristoteles, die Anfang, Mitte und Ende als Grundform jeder Handlung beschreibt.
Handlung und Erzählstruktur
Die Erzählstruktur ist das Gerüst, das aus einer Folge von Ereignissen eine Geschichte macht: was gezeigt wird, in welcher Reihenfolge und mit welchem Gewicht. Die Handlung ist, was passiert; die Struktur ist, wie es angeordnet wird, sodass jedes Ereignis ein anderes auslöst, verkompliziert oder beantwortet.
Ein hilfreicher Test ist Ursache und Wirkung. Lassen sich die Ereignisse deiner Gliederung mit „und dann“ verbinden, hast du eine Liste. Lassen sie sich mit „aber“ und „deshalb“ verbinden, hast du eine Struktur: Jede Wendung wird von der vorigen verursacht und erzwingt die nächste.
Erzählstrukturen im Überblick
Das sind die acht Modelle, denen man beim Drehbuchschreiben am häufigsten begegnet. Die Angaben sind grobe Anteile an der Laufzeit. Bei einem Spielfilm entsprechen sie fast direkt den Seiten, denn eine Seite ist ungefähr eine Filmminute.
- Drei-Akt-Struktur: Exposition (etwa 25 %), Konfrontation (etwa 50 %), Auflösung (etwa 25 %). Der Standard für Spielfilme.
- Fünf Akte und Freytags Pyramide: Exposition, steigende Handlung, Höhepunkt in der Mitte, fallende Handlung, Katastrophe oder Lösung. Gebaut für die Tragödie auf der Bühne, noch heute in Fernsehformaten mit mehreren Aktwechseln erkennbar.
- Die Heldenreise: ein Kreis aus der gewohnten Welt in eine unbekannte und wieder zurück, meist in zwölf Stationen erzählt.
- Das Beat Sheet mit fünfzehn Handlungspunkten: die drei Akte, unterteilt in fünfzehn benannte Wendepunkte an festen Stellen.
- Kishōtenketsu: vier Teile, Einleitung, Entwicklung, Wendung und Zusammenführung, ohne dass ein zentraler Konflikt nötig ist.
- Die Fichtean Curve: eine Folge sich steigernder Krisen, die fast sofort beginnt; die Vorgeschichte wird unterwegs nachgereicht.
- Das Sequenzmodell: acht Blöcke von etwa 12 bis 15 Seiten, jeder mit eigenem kleinen Ziel und eigenem Ende.
- Nichtlineare Struktur: Ereignisse außerhalb der zeitlichen Reihenfolge, angeordnet nach Bedeutung oder Spannung statt nach der Uhr.
Die Drei-Akt-Struktur
Die Drei-Akt-Struktur teilt eine Geschichte in Exposition, Konfrontation und Auflösung, getrennt durch zwei Wendepunkte, die die Hauptfigur in eine neue Lage stoßen. Sie ist das am häufigsten gelehrte Modell beim Drehbuchschreiben und die Form, an die Redaktionen und Produktionen denken, wenn sie fragen: „Wo beginnt der zweite Akt?“
Der erste Akt beginnt meist mit einem auslösenden Ereignis, das den Alltag der Hauptfigur aus dem Gleichgewicht bringt. Nimm sie, wenn du einen Spielfilm mit einer Hauptfigur und einem klaren Ziel schreibst oder eine gemeinsame Sprache mit Produktion und Lesern brauchst. Der ausführliche Ratgeber zur 3-Akt-Struktur behandelt Aktwechsel, Mittelpunkt und Seitenzahlen.
Fünf Akte und Freytags Pyramide
Freytags Pyramide ist ein Modell in fünf Teilen: Exposition, steigende Handlung mit dem erregenden Moment, Höhepunkt mit der Peripetie, fallende Handlung mit dem retardierenden Moment und schließlich die Katastrophe. Ihr Kennzeichen ist der Höhepunkt in der Mitte, gefolgt von einem langen Fall, in dem sich die Folgen zusammenziehen. Die Begriffe kennst du vielleicht aus der Schule, an Dramen wie „Emilia Galotti“ oder „Kabale und Liebe“.
Nimm sie, wenn du eine Tragödie schreibst, eine Geschichte, in der der Gipfel der Hauptfigur zugleich der Anfang ihres Untergangs ist, oder eine Fernsehfolge mit mehreren Aktwechseln. Mehr im Ratgeber zur Freytag-Pyramide.
Geschlossene und offene Form
Die deutsche Dramentheorie unterscheidet außerdem die geschlossene von der offenen Form. Die geschlossene Form folgt Aristoteles und Freytag: eine durchgehende Handlung, wenige Figuren, Szenen, die streng auseinander hervorgehen. Die offene Form, etwa in Büchners „Woyzeck“ oder in Brechts epischem Theater, reiht relativ eigenständige Szenen aneinander und lässt Lücken, die das Publikum selbst füllt. Im Film findest du beides: den straff gebauten Thriller und den episodischen Film, der sich aus Momenten zusammensetzt.
Die Heldenreise und das Beat Sheet
Die Heldenreise stammt aus Joseph Campbells Mythenstudie „Der Heros in tausend Gestalten“ (1949). Christopher Vogler hat sie für Drehbuchautoren auf zwölf Stationen gebracht, auf Deutsch erschienen als „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“: gewohnte Welt, Ruf des Abenteuers, Weigerung, Mentor, Überschreiten der Schwelle, Prüfungen, Annäherung, entscheidende Prüfung, Belohnung, Rückweg, Auferstehung und Rückkehr. Sie passt zu Abenteuern, Coming-of-Age-Geschichten und allem, was einen äußeren oder inneren Aufbruch und eine Heimkehr erzählt.
Das Beat Sheet mit fünfzehn Handlungspunkten, bekannt gemacht durch Blake Snyders „Save the Cat!“, legt ein feineres Raster über die drei Akte. Für das Timing eines kommerziellen Spielfilms ist es das praktischste Modell, weil jeder Punkt eine Zielseite hat. Beide vergleicht der Ratgeber zum Beat Sheet Seite an Seite, deshalb wiederholen wir sie hier nicht.
Kishōtenketsu
Kishōtenketsu ist eine Struktur in vier Teilen aus der klassischen chinesischen, japanischen und koreanischen Literatur: Einleitung, Entwicklung, Wendung, Zusammenführung. Sie erzeugt Interesse durch Kontrast statt durch Konflikt. Der dritte Teil bringt etwas scheinbar Unverbundenes, der vierte zeigt, wie es mit den ersten beiden zusammenhängt.
Nimm sie, wenn die Geschichte leise, beobachtend oder episodisch ist, oder wenn ein Kurzfilm oder eine einzelne Folge auf einem Moment des Erkennens landen soll statt auf einem Kampf. Mehr im Ratgeber zu Kishōtenketsu.
Die Fichtean Curve
Die Fichtean Curve ist eine Handlungsform aus einer Reihe steigender Krisen, jede größer als die vorige. Sie beginnt fast sofort und reicht die Exposition erst während der Handlung nach. Nach dem Höhepunkt bleibt nur eine kurze fallende Handlung. Bekannt gemacht hat den Begriff der amerikanische Schriftsteller John Gardner in seinem Schreibratgeber „The Art of Fiction“.
Nimm sie, wenn du einen Thriller schreibst, eine Überlebensgeschichte oder irgendetwas, bei dem das Publikum ab der ersten Szene in Schwierigkeiten stecken soll. Sie passt gut zu einem Cold Open wie Last Call im Drehbuchmuseum, das mitten im Geschehen beginnt.
Das Sequenzmodell
Das Sequenzmodell teilt einen Spielfilm in acht Sequenzen von etwa 12 bis 15 Seiten, jede gebaut wie ein kleiner Film mit eigener Spannung und Auflösung. Zwei Sequenzen bilden den ersten Akt, vier den zweiten, zwei den dritten. Verbunden ist die Methode mit dem Filmlehrer Frank Daniel und Paul Gulinos Buch „Screenwriting: The Sequence Approach“.
Nimm es, wenn die lange Mitte eines Drehbuchs immer wieder durchhängt. Wer den zweiten Akt als vier verbundene Kurzgeschichten denkt, jede mit einer Frage, die an ihrem Ende beantwortet wird, bekommt vier Stellen zum Gangwechsel statt eines langen Anstiegs.
Nichtlineare Struktur
Nichtlineare Strukturen erzählen Ereignisse außerhalb der zeitlichen Reihenfolge, über Rückblenden, parallele Zeitebenen, rückwärts laufende Chronologie oder umgestellte Kapitel. „Pulp Fiction“, „Memento“ und „Arrival“ sind viel diskutierte Beispiele; aus Deutschland spielt „Lola rennt“ dieselbe Ausgangslage dreimal durch.
Nimm sie, wenn die Reihenfolge der Enthüllungen wichtiger ist als die Reihenfolge der Ereignisse. Auch ein nichtlineares Drehbuch braucht eine Struktur darunter; es ordnet die Wendepunkte nur so, dass das Verständnis des Publikums zum Höhepunkt hin steigt und nicht die Uhrzeit. Wie Rückblenden und Zeitsprünge auf der Seite aussehen, zeigt der Ratgeber Rückblende schreiben.
Die passende Erzählstruktur wählen
Die richtige Struktur ist die, die dazu passt, wo die größte Wendung deiner Geschichte von selbst liegt und wie viel Konflikt sie antreibt. Stell dir diese Fragen, bevor du eine Vorlage wählst:
- Wo liegt der Gipfel? Liegt das entscheidende Ereignis nahe am Ende, nimm drei Akte oder ein Beat Sheet. Liegt es in der Mitte und der Rest ist Folge, nimm Freytags fünf Teile.
- Braucht es einen Gegenspieler? Kommt das Interesse aus Kontrast, Perspektivwechsel oder Erkennen, versuch es mit Kishōtenketsu.
- Wie schnell muss es losgehen? Soll das Publikum auf Seite eins in Gefahr sein, skizzier eine Fichtean Curve und reich die Vorgeschichte später nach.
- Wie lang wird es? Spielfilme passen zu drei Akten, Sequenzen oder fünfzehn Handlungspunkten. Ein Kurzfilm von zehn Minuten oder eine vertikale Folge von zwei Minuten braucht oft nur vier Teile oder eine einzige Wendung.
- Ist die Zeit selbst Teil der Bedeutung? Dann gliedere zuerst chronologisch und entscheide danach über die Reihenfolge des Erzählens.
Viele kombinieren zwei Modelle: drei oder fünf Akte als Rahmen für das ganze Drehbuch und Sequenzen oder Handlungspunkte für die Feinarbeit darin.
Ein Beispiel: eine Geschichte, drei Strukturen
Nimm eine einfache Prämisse: Eine Leuchtturmwärterin auf einer abgelegenen Nordseeinsel findet einen Fremden, angespült zwischen den Steinen. So formen drei Modelle daraus unterschiedliche Filme.
- Drei Akte: Der erste Akt endet, als die Wärterin den Fremden vor der Wasserschutzpolizei versteckt; am Mittelpunkt stellt sich heraus, dass er vor einer Tat flieht, die sie selbst einmal vertuschen half; der dritte Akt ist eine Sturmnacht, in der sie entscheiden muss, wen sie rettet.
- Freytag: Der Höhepunkt liegt in der Mitte, als die Wärterin lügt, um den Fremden zu schützen. Die zweite Hälfte ist der langsame Preis dieser Lüge, während sich die Inselgemeinschaft gegen sie wendet.
- Kishōtenketsu: Wir sehen den Alltag der Wärterin; wir sehen, wie der Fremde sich erholt und denselben Alltag lernt; wir schneiden zu einem Kind auf dem Festland, das jede Nacht zum Leuchtturm hinübersieht; wir erfahren, dass das Licht ein Zeichen für dieses Kind war, das jetzt zwei Menschen weitertragen statt einer.
Dieselben Menschen, dieselbe Insel, drei verschiedene Filme. Wer die Struktur zuerst wählt, weiß, welche Szenen er wirklich schreiben muss.
Dramaturgie planen in Scenaloom
Die Handlungspunkte in Scenaloom können mit einer Drei-Akt-Struktur, einem Beat Sheet mit fünfzehn Punkten oder einer Heldenreise beginnen, jeder Punkt auf seinem üblichen Anteil an deiner Ziellänge, standardmäßig 110 Seiten. Die Story-Map zeigt diese Ziellänge und markiert Seiten darüber hinaus in Rot, die Gliederung hält deinen Plan pro Folge, und im Szenenboard verschiebst du Karten, bis die Reihenfolge stimmt. Siehe Gliederung und Beats in der Hilfe oder beginne ein Projekt.
Häufige Fragen
Was ist Dramaturgie?
Dramaturgie ist die Lehre vom Aufbau dramatischer Werke wie Theaterstück, Film oder Serie: wie Handlung, Figuren und Wendepunkte angeordnet werden, damit Spannung entsteht und das Ende trägt. Das Wort bezeichnet auch den Beruf der Dramaturgin oder des Dramaturgen, die Autoren bei Theatern, Sendern und Produktionsfirmen beraten.
Welche Erzählstrukturen gibt es?
Die wichtigsten sind die Drei-Akt-Struktur, die fünf Akte nach Freytags Pyramide, die Heldenreise, das Beat Sheet mit fünfzehn Handlungspunkten, Kishōtenketsu, die Fichtean Curve, das Sequenzmodell und nichtlineare Strukturen. Sie überschneiden sich; die meisten teilen dasselbe Auf und Ab der Spannung nur an anderen Stellen. Beim Drehbuch dienen oft drei Akte als Rahmen und Handlungspunkte oder Sequenzen für die Details.
Was ist der Unterschied zwischen Handlung und Struktur?
Die Handlung ist, was in einer Geschichte passiert; die Struktur ist, wie diese Ereignisse angeordnet sind und wo die Geschichte die Richtung wechselt. Zwei Filme können dieselbe Handlung haben, einen Raub oder eine Heimkehr, und sich völlig anders anfühlen, weil der eine in drei Akten erzählt und der andere in der Zeit springt.
Welche Erzählstruktur ist die beste für ein Drehbuch?
Für die meisten Spielfilme ist die Drei-Akt-Struktur der beste Ausgangspunkt, weil sie einfach, flexibel und allen vertraut ist, die das Drehbuch lesen werden. Wechsel oder kombiniere Modelle, wenn die Geschichte es verlangt: Freytags Pyramide für die Tragödie, Kishōtenketsu für leise oder episodische Geschichten, die Fichtean Curve für Thriller, die in Schwierigkeiten beginnen.
Muss ich mich an eine Erzählstruktur halten?
Nein, aber du brauchst irgendeine Struktur, und sei es deine eigene. Modelle beschreiben Muster, auf die das Publikum ohnehin reagiert, und taugen deshalb vor allem zur Diagnose: Wirkt eine Fassung langsam oder verpufft das Ende, zeigt der Vergleich mit einem Modell meist, welche Wendung fehlt oder an der falschen Stelle sitzt.