
Der Inciting Incident, auf Deutsch das auslösende Ereignis, ist der Moment, der den Alltag der Hauptfigur aus dem Gleichgewicht bringt und die Haupthandlung in Gang setzt. Vorher ist ihre Welt stabil, auch wenn sie unglücklich ist. Danach muss sie reagieren, und von dieser Reaktion erzählt die Geschichte.
Im Spielfilm-Drehbuch kommt dieser Auslöser meist in den ersten 10 bis 15 Prozent, also um Seite 10 bis 15 bei 110 Seiten. Manche Filme beginnen direkt damit, wenige halten ihn länger zurück. Für Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren hat Robert McKee den Begriff mit seinem Buch Story bekannt gemacht. Die Idee ist aber deutlich älter und kommt aus dem deutschen Sprachraum: Gustav Freytag nannte diesen Augenblick 1863 in seiner „Technik des Dramas“ das „erregende Moment“, das die steigende Handlung auslöst.
Was ist ein Inciting Incident?
Gemeint ist das erste Ereignis, das den zentralen Konflikt unausweichlich macht. Es reicht nicht, dass etwas Interessantes passiert. Es muss etwas passieren, das die Frage aufwirft, die die ganze Geschichte beantwortet: Bekommt sie das Geld zurück? Findet er seinen Sohn? Überstehen sie die Nacht?
Drei Eigenschaften unterscheiden ein echtes auslösendes Ereignis von einer gewöhnlichen Wendung:
- Es stört das Gleichgewicht. Das Leben der Hauptfigur gerät ins Rutschen, zum Guten oder zum Schlechten, und sie kann nicht einfach weitermachen.
- Es stellt die dramatische Frage. Danach weiß das Publikum, worum es geht, auch wenn die Hauptfigur es noch nicht weiß.
- Es verlangt eine Antwort. Die Hauptfigur muss reagieren, selbst wenn die erste Reaktion eine Weigerung ist.
Beispiele für ein auslösendes Ereignis
Diese Beispiele stammen aus bekannten Filmen und sind in eigenen Worten beschrieben. Achte darauf, wie jedes Ereignis die Frage pflanzt, die der restliche Film beantwortet.
- Lola rennt (1998): Manni ruft Lola an. Er hat eine Tüte mit 100.000 Mark in der U-Bahn liegen lassen, die er in zwanzig Minuten seinem Boss übergeben muss. Das Ereignis steht ganz am Anfang, und die Frage ist glasklar: Schafft Lola das Geld rechtzeitig heran?
- Der weiße Hai (1975): In den ersten Minuten tötet ein Hai eine Schwimmerin vor einer Ferieninsel. Kann der Polizeichef ihn aufhalten, bevor er wieder zuschlägt? Diese Frage trägt alles, was folgt.
- Tschick (2016): Maik ist in den Sommerferien allein zu Hause, die Mutter in einer Klinik, der Vater angeblich auf Geschäftsreise. Da steht Tschick mit einem geklauten Lada vor der Tür. Nichts Schlimmes ist passiert, aber Maiks langweiliger Sommer ist vorbei.
- Findet Nemo (2003): Der Sohn eines überängstlichen Clownfischs schwimmt zu einem Boot hinaus und wird von einem Taucher mitgenommen. Die schlimmste Angst des Vaters wird wahr, und er muss den Ozean durchqueren, um sein Kind zurückzuholen.
- Victoria (2015): Eine junge Spanierin lernt nachts vor einem Berliner Club vier Männer kennen. Ist das schon das auslösende Ereignis, oder erst die Schuld eines der Männer, die mit einem Banküberfall beglichen werden soll? Beides liegt nah beieinander, und die Frage zeigt, dass eine Geschichte einen persönlichen und einen handlungsbezogenen Auslöser haben kann.
Auslösendes Ereignis und Katalysator
Auslösendes Ereignis und Katalysator sind dieselbe Idee unter zwei Namen: das Ereignis, das die Hauptfigur aus ihrem gewohnten Leben stößt. „Katalysator“ heißt der Beat im Beat Sheet von Blake Snyder (Save the Cat), wo er bei etwa 10 Prozent des Drehbuchs liegt. „Auslösendes Ereignis“ oder englisch „Inciting Incident“ ist der ältere, allgemeinere Begriff, den die meisten Lehrbücher verwenden.
Wer die beiden trennt, meint mit dem Inciting Incident das Ereignis, mit dem das Problem der Geschichte beginnt. Das kann sogar vor dem Film liegen, etwa ein Verbrechen vor vielen Jahren. Der Katalysator ist dann der Moment auf der Leinwand, in dem das Problem die Hauptfigur persönlich trifft. Arbeitest du mit einem Beat Sheet, behandle beides als einen Beat.
Auslöser und erster Wendepunkt
Das auslösende Ereignis eröffnet das Problem, der erste Wendepunkt ist die Entscheidung der Hauptfigur, es anzugehen. Dazwischen liegt eine Strecke aus Widerstand, Zögern oder Vorbereitung. In Lola rennt sind beide fast deckungsgleich, weil Lola keine Sekunde zu verlieren hat. In Tschick ist der Lada vor der Tür das auslösende Ereignis, der Aufbruch in die Walachei der erste Wendepunkt.
Wer die beiden verwechselt, bekommt oft einen zähen ersten Akt. Entscheidet sich die Hauptfigur in dem Moment, in dem das Problem auftaucht, gibt es keinen ersten Akt. Braucht sie vierzig Seiten für ihre Entscheidung, hört das Publikum auf zu warten. Wo beides liegt, zeigt der Ratgeber zur 3-Akt-Struktur.
Wo steht der Inciting Incident im Drehbuch?
Meist in den ersten 10 bis 15 Seiten eines Spielfilms, nach genug Exposition, damit das Publikum versteht, was gestört wird. Die genaue Stelle hängt von Genre und Tempo ab:
- Auf Seite eins: Thriller, Horror und Geschichten, die ohne Vorlauf einsteigen, beginnen oft mit dem Ereignis selbst und erzählen die Alltagswelt danach.
- Etwa auf Seite 10 bis 15: die häufigste Stelle im Spielfilm. Eine kurze Exposition, dann die Störung.
- Später, um Seite 20 oder danach: Ruhigere Dramen zögern ihn manchmal hinaus, brauchen dann aber in der Exposition eine starke Nebenspannung, die das Publikum hält.
- Vor Beginn der Geschichte: Manche Handlungen werden durch ein Ereignis in der Vergangenheit ausgelöst, von dem das Publikum nach und nach erfährt. Auch dann gibt es einen Moment auf der Leinwand, in dem es die Hauptfigur erreicht.
Im Fernsehen landet das auslösende Ereignis einer Pilotfolge oft im Teaser oder im ersten Akt. Ein Krimi am Sonntagabend zeigt die Leiche oft schon in den ersten Minuten. In einer zweiminütigen Folge eines Micro Dramas kann es der erste Satz sein.
Was ein starkes auslösendes Ereignis ausmacht
- Er kippt das Leben der Hauptfigur, zum Guten oder zum Schlechten, sodass sie nicht einfach weitermachen kann.
- Er stellt eine Frage, die der Rest der Geschichte beantwortet: Bekommt sie das Geld zurück, übersteht er die Nacht?
- Er legt die Größe der Geschichte fest. Ein entlaufener Hund verspricht einen anderen Film als ein verschwundenes Kind.
- Er trifft die Hauptfigur oder zwingt sie zur Antwort, auch wenn er auf den ersten Blick jemand anderem zustößt.
Ursächliche und zufällige Auslöser
Robert McKee unterscheidet in Story (1997) zwei Arten. Ein ursächlicher Inciting Incident ist eine Entscheidung: Jemand, oft die Hauptfigur selbst, tut etwas, das die Geschichte in Bewegung setzt. Ein zufälliger ist ein Unglück oder Glück: eine Begegnung, ein Sturm, ein Brief an die falsche Adresse. Beides funktioniert, aber ein Zufall darf eine Geschichte nur beginnen, nie beenden. Das Publikum akzeptiert einen Zufall, der ein Problem schafft, und lehnt einen ab, der es löst.
Ist das auslösende Ereignis der Höhepunkt?
Nein. Das auslösende Ereignis beginnt den Hauptkonflikt, meist in den ersten 10 bis 15 Prozent der Geschichte. Der Höhepunkt ist die entscheidende Konfrontation kurz vor dem Ende, die ihn auflöst. Trotzdem hängen beide zusammen: Ein guter Höhepunkt beantwortet genau die Frage, die das auslösende Ereignis gestellt hat. Deshalb lohnt es sich, das Ende zu kennen, bevor du den Auslöser setzt.
Wie du einen Inciting Incident schreibst
Geh vom tiefsten Wunsch oder der größten Angst deiner Hauptfigur aus und entwirf ein Ereignis, das genau dort trifft. Dann mach es sichtbar und unübersehbar.
- Zeig den Normalzustand. Wisse, wie das Leben der Hauptfigur vor der Störung aussieht, und zeig davon eine Szene, die du später spiegeln kannst.
- Ziel auf die Schwäche. Die besten auslösenden Ereignisse treffen die Figur an ihrer verwundbarsten Stelle: Die Mutter, die alles kontrolliert, verliert die Kontrolle. Der Einzelgänger muss plötzlich für jemanden sorgen.
- Mach es konkret und bildhaft. „Ihr Leben ändert sich“ ist keine Szene. Ein Fremder, der eine Tasche voller Geld auf die Theke stellt, schon.
- Pflanz die dramatische Frage. Am Ende der Szene sollte das Publikum in einem Satz sagen können, worum es geht. Das ist derselbe Satz, den deine Logline formuliert.
- Lass die Hauptfigur reagieren. Zeig eine erste Antwort, auch wenn es Abwehr ist, damit das Publikum die Figur sieht und nicht nur das Ereignis.
Hier ein eigenes Beispiel im Drehbuchformat: eine ruhige Ausgangslage, dann ein Satz, der alles ändert.
INT. WASCHSALON - NACHT Neonlicht, ein einziger Trockner läuft noch. RENATE (60) faltet die Hemden fremder Leute, sorgfältig, als wären es ihre eigenen. Die Türglocke. Ein MÄDCHEN (16), völlig durchnässt, legt ein Handy auf die Theke. MÄDCHEN Das lag in Maschine sechs. Es klingelt die ganze Zeit. Renate wirft einen Blick auf den Sperrbildschirm. Ein Foto: sie selbst, zwanzig Jahre jünger, mit einem kleinen Jungen auf dem Arm. RENATE (kaum hörbar) Das ist das Handy von meinem Sohn. Das Handy klingelt wieder.
Nichts ist explodiert, aber Renates gewohnte Nacht ist vorbei. Und die Frage, warum das Handy ihres verschwundenen Sohnes in der Wäsche einer Fremden steckt, wird die ganze Geschichte antreiben.
Den Auslöser in Scenaloom setzen
Unter Gliederung → Beats kannst du mit einer Struktur beginnen, etwa der Drei-Akt-Struktur, dem Fünfzehn-Beat-Plan oder der Heldenreise. Jeder Beat, auch das auslösende Ereignis und der Katalysator, liegt dann an seinem üblichen Anteil deiner Ziellänge, voreingestellt sind 110 Seiten. So siehst du, wo dein Auslöser im Verhältnis zur Ziellänge landet. Die Story-Map zeigt die Ziellänge des Drehbuchs, die Gliederung hält deinen Plan fest, und im Szenenboard ziehst du das Ereignis als Karte nach vorn oder nach hinten. Mehr in Gliederung und Beats, oder du beginnst ein Projekt.
Häufige Fragen
Was ist ein Inciting Incident?
Der Inciting Incident ist das auslösende Ereignis einer Geschichte: der Moment, der den Alltag der Hauptfigur stört und den Hauptkonflikt beginnt. Er stellt die Frage, die der Rest der Geschichte beantwortet, und zwingt die Hauptfigur zu reagieren. Im Spielfilm-Drehbuch steht er meist auf den ersten 10 bis 15 Seiten.
Was heißt Inciting Incident auf Deutsch?
Üblich sind „auslösendes Ereignis“ oder „auslösendes Moment“. Gustav Freytag sprach schon 1863 vom „erregenden Moment“. In Writers' Rooms und Drehbuchseminaren wird aber auch im Deutschen oft der englische Begriff verwendet.
Kann das auslösende Ereignis vor Beginn der Geschichte liegen?
Ja. Manche Handlungen werden durch ein Ereignis in der Vergangenheit ausgelöst, etwa ein altes Verbrechen oder ein gebrochenes Versprechen, das das Publikum nach und nach entdeckt. Auch dann gibt es meist einen Moment auf der Leinwand, in dem diese Vergangenheit die Hauptfigur einholt, und dieser Moment übernimmt die Aufgabe des auslösenden Ereignisses.
Ist der Inciting Incident dasselbe wie der Katalysator?
Im Wesentlichen ja. Katalysator heißt im Beat Sheet von Blake Snyder das Ereignis, das das Leben der Hauptfigur aus dem Gleichgewicht bringt, bei etwa 10 Prozent des Drehbuchs. Inciting Incident ist der ältere, allgemeinere Begriff. Manche reservieren ihn für den Beginn des Problems und den Katalysator für den Moment, in dem es die Hauptfigur persönlich trifft.
Kann eine Geschichte mehrere auslösende Ereignisse haben?
Die Haupthandlung hat ein zentrales auslösendes Ereignis, Nebenhandlungen haben oft ihr eigenes, und ein persönlicher und ein handlungsbezogener Auslöser können dicht beieinanderliegen. Hast du mehrere Kandidaten, frag dich, welcher die dramatische Frage stellt, die dein Höhepunkt beantwortet. Das ist der zentrale.
Was unterscheidet das auslösende Ereignis vom Höhepunkt?
Das auslösende Ereignis stellt die zentrale Frage der Geschichte, der Höhepunkt beantwortet sie. Lies beide Szenen nebeneinander: Der Höhepunkt sollte genau das Problem lösen, das das auslösende Ereignis geschaffen hat. Deshalb planen viele Autorinnen und Autoren beide zusammen.